Kleine Erzählung über mein Treffen mit
Monsieur Raymond Paris

(mit meinem herzlichen Dank an Monsieur und Madame Paris
für ihren warmherzigen Empfang und ihre Freundlichkeit)

Anfang 2001 bekam ich eine e-mail aus Belgien, in der mich ein belgischer Boule-Freund auf seinen Bekannten, Monsieur Raymond Paris, aufmerksam machte der in der Nähe von Perpignon wohnt. Er schrieb mir, dass die Familie von Monsieur Paris früher eine Drechslerei betrieben habe. Diese habe unter anderem auch Boules cloutées hergestellt. Ich nahm Verbindung zu Monsieur Paris auf und nach einigen Briefen und Telefonaten fanden wir schließlich einen Termin für ein Treffen.

Als ich am 3. April 2002 am frühen Nachmittag mit meiner Frau am Hause Paris vorfahre, regnet es fürchterlich. Trotz des unfreundlichen Wetters steht Monsieur Paris aber bereits vor der Haustür, um uns zu begrüßen. Wir werden sehr herzlich empfangen und von Monsieur und Madame Paris ins Wohnzimmer geführt. An den schönen Holzmöbeln sieht man gleich, dass man in einer Drechslerfamilie zu Gast ist. Schränke, Tische, Stühle, Stehlampen und Kronleuchter, alles selbstgemacht und mit sehr schönen Drechselarbeiten versehen. Monsieur Paris nimmt mit uns am Wohnzimmertisch Platz und beginnt, von sich zu erzählen.

Er ist 72 Jahre alt. Als er 1945 mit 15 Jahren als Lehrling in der Fabrik seines Vaters begann, war die Ära der genagelten Kugeln fast schon zu Ende. Obwohl er selbst nicht mit der Herstellung der Kugeln beauftragt war, war er damit doch sehr vertraut. Seine ganze Jugend hatte er in der Fabrik verbracht und so kann er einiges zur Herstellung erzählen

Einige Arbeiter waren ausschließlich mit der Herstellung der Kugeln beschäftigt. Es wurden dazu nur erstklassige Buchsbaumwurzeln verwendet. Dies war eine zugesicherte Qualität der Firma Paris. Das benötigte Holz wurde bis zum Krieg hauptsächlich aus Spanien importiert. Danach kam es von Aveyron, Tarn und Corbières.
Von Hand konnte ein Drechsler etwa 60 Holzkugeln pro Tag drehen. Später als die Maschinen moderner wurden und teilweise Drehautomaten eingesetzt wurden, konnten mehr Kugeln pro Arbeiter gefertigt werden. Diese wurden dann von den Frauen der Arbeiter genagelt. Die Standardmuster der Firma waren Sterne, Herzen, Kreise, Zahlen und Initialen ( es gab einen Bestellbogen mit Mustern ). Es war aber auch möglich, ein individuelles Muster zu wählen. Dieses wurde dann nach der Zeichnung des Kunden hergestellt. Die gefertigten Kugeln wurden zum Teil in Frankreich verkauft, aber zum größten Teil nach Algerien exportiert. Zu den damaligen Preisen konnte mir Monsieur Paris keine nähern Angaben machen. Nur den im Bestellformular angegebenen Hinweis: "Preis von allen Spielern bezahlbar."

Im Jahre 1947 wurde die Herstellung der genagelten Kugeln in der Fabrik Paris eingestellt. Danach haben Monsieur Paris und sein Bruder noch einige Male genagelte Kugeln zur Demonstration hergestellt. Z.B. für eine Zeitungsreportage und für die Dorfchronik.

Monsieur Paris sagt, dass die Fabrik selbst, die hinter seinem Haus steht, leider nicht mehr besichtigt werden könne. Er schlägt mir aber vor, seine Werkstatt anzuschauen. Darüber freue ich mich sehr. Er führt mich durch mehrere Räume nach hinten in die Werkstatt. Hier stehen die Überbleibsel aus seiner Handwerkerzeit.

Eine über 100 Jahre alte Drechselbank, an welcher Monsieur Paris einige Veränderungen angebracht hat und etwas Werkzeug. Der Antrieb erfolgt jetzt über Riemen und Elektromotor. Die Geschwindigkeit kann geändert werden, indem die Arbeitsspindel komplett ausgebaut wird und ein kleineres oder größeres Rad aufgesetzt wird.

Da ich sehr interessiert bin, will Monsieur Paris mir demonstrieren, wie eine Kugel gedreht wird. Also zieht er seine Arbeitsjacke an und macht sich ans Werk. Als Material hat er zwar keine Buchsbaumwurzel zur Hand, aber immerhin doch ein Stück Buchsbaumstamm. Zunächst aber treten Schwierigkeiten bei der Inbetriebnahme der Drehbank auf. Die Geschwindigkeit ist nicht hoch genug. Also wird die Maschine zunächst einmal umgebaut. Jetzt klappt es besser. Zuerst wird der Außendurchmesser zylindrisch und auf Maß gedreht.

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Das Messen erfolgt mit einem Messschieber. Dann wird auf der Reitstockseite begonnen, den Zylinder zu runden bis eine Halbkugel entstanden ist. Es bleibt ein kurzer Ansatz für den Körner stehen. Nun erfolgt das Gleiche auf der anderen Seite. Dort bleibt ein größerer Ansatz stehen. Kontrolliert wird mit Messschieber und einer hohlen Stahlhalbkugel, die später auch als Aufnahme dienen soll. Nach mehrmaligem Prüfen und Nacharbeiten mit einem flachen Stahl (zum Schlichten) ist die Rohform der Kugel fertig und sie wird ausgespannt. Jetzt werden die beiden Ansätze an der Bandsäge entfernt.

Dann wird die Drehmaschine umgebaut. Anstelle des Mitnehmers wird die hohle Stahlhalbkugel eingespannt. Die Holzkugel wird nun - um 90 Grad zur ersten Einspannung versetzt - auf die Halbkugel gesetzt und mit dem Hammer festgeschlagen. Durch das versetzte Einspannen werden nun alle Ungenauigkeiten des Vordrehens sichtbar. Diese sind aber nicht sehr groß. Also auch noch mit seinen 72 Jahren hat Monsieur Paris ein sehr gutes Augenmaß und hat das ehemals Erlernte nicht verlernt. Die Kugel wird nun nachgearbeitet bis sie komplett rund ist (erste Hälfte). Dann wird sie geschmirgelt und mit Bienenwachs eingerieben. Die zweite Seite lässt Monsieur Paris auf meinen Wunsch hin unbearbeitet. So kann man den Kontrast zwischen dem Endzustand und der unfertigen Kugelhälfte besser sehen. Nicht ohne Stolz schenkt Monsieur Paris mir die Kugel für meine Sammlung.

Und weil er gerade dabei ist, dreht er auch noch ein paar Cochonnets für mich! Dazu nimmt er ein Stück Buchsbaumstamm, ungefähr 30 cm lang, Durchmesser ca. 4 cm, und spitzt ihn an der Bandsäge etwas an. Er baut die Drehmaschine um, schraubt die Stahlhalbkugel ab und schraubt stattdessen ein kurzes Rohr, angepasst an den Buchsbaumstamm, ein. Dann wird der angespitzte Stamm (mit der Spitze nach vorn) in das Rohr eingeschlagen. Zunächst wird der Stamm über die ganze Länge auf den gewünschten Durchmesser gedreht. Gemessen wird mit einer Schablone. Nun wird vorgegangen wie beim Kugeldrehen. Zuerst wird eine Seite rundgedreht, dann die zweite. Wenn die Rundung erreicht ist, wird mit einem schmalen Meißel abgestochen.

Es bleibt ein dünner Ansatz stehen. Dieser wird von Hand mit einem Stechbeitel abgeschnitten. Das Ganze wird dreimal wiederholt und schon sind drei Cochonnets fertig. Monsieur Paris erzählt, dass er selbst Petanques Spieler ist und sich seine Cochonnets immer selbst dreht, und zwar mindestens immer drei auf einmal.

Wir reden in der Werkstatt noch etwas über die Fabrik und ich kann ausgiebig fotografieren. Dabei entdecke ich das alte Firmenschild der Fabrik "Paris" über der Werkbank. Ich möchte es natürlich ganz genau fotografieren. Da sagt Monsieur Paris zu mir, dass ich mir die Mühe sparen könne. Er habe auf dem Speicher noch ein zweites Original-Schild und er würde es mir schenken. Ich gehe mit Madame Paris zurück ins Wohnzimmer. Während Monsieur Paris auf dem Speicher das alte Firmenschild sucht, zeigt Madame Paris mir in der Zwischenzeit alte Fotografien.

Zurück vom Speicher schenkt mir Monsieur Paris das alte Firmenschild. Außerdem hat er noch einen Original Bestellzettel der Firma zum Bestellen der boules-cloutées für mich. Und eine Handvoll der verschiedenen Nägel aus Kupfer, Eisen und Messing, die in der Fabrik verarbeitet wurden sowie Kopien von verschiedenen alten Zeitungsartikeln über die Fabrik. Für mich, als Sammler, sind das alles die reinsten Schätze.


Wir sitzen noch einige Zeit im Wohnzimmer und unterhalten uns. Als wir uns verabschieden, ist es schon spät. Es war ein sehr schöner Tag.
Ich bin der Familie Paris für den herzlichen Empfang und für die vielen erwiesenen Freundlichkeiten sehr dankbar.